Mai 2026
Einschätzungen von Bündnis 90/Die Grünen zu den Wahlprüfsteinen der beruflichen Schulen
Auf Grundlage des Gesprächs am 29.05.2026 mit der berufsbildungspolitischen Sprecherin
Klara Schedlich
(Die Grünen Fraktion im Abgeordnetenhaus)
Zu Wahlprüfstein 1: Landesinstitut für Berufliche Bildung in Berlin
Wir teilen die Einschätzung, dass die berufliche Bildung in Berlin eine stärkere institutionelle Verankerung und bessere Koordinierung benötigt. Die aktuellen Zuständigkeiten sind auf unterschiedliche Bereiche verteilt und erschweren häufig eine strategische Gesamtsteuerung. Deshalb unterstützen wir die Einrichtung eines Landesinstituts für berufliche Bildung, das die berufliche Bildung als eigenständige Säule des Berliner Bildungssystems stärkt und die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Wirtschaft, Kammern, Gewerkschaften und Verwaltung verbessert.
Ein solches Institut sollte dazu beitragen, die berufliche Bildung entlang der gesamten Bildungskette zu denken – von der Berufsorientierung über die Ausbildung bis hin zu Weiterbildung und lebenslangem Lernen. Besonders wichtig ist uns, dass Übergänge besser gestaltet werden und Jugendliche nicht an Schnittstellen zwischen verschiedenen Zuständigkeiten verloren gehen.
Die Oberstufenzentren spielen dabei eine zentrale Rolle. Wir wollen die beruflichen Schulen als Kompetenzzentren weiterentwickeln und ihre Expertise stärker in bildungspolitische Entscheidungen einbeziehen. Gleichzeitig halten wir es für sinnvoll, den Schulen dort mehr Gestaltungsspielräume einzuräumen, wo dies ihre Handlungsfähigkeit stärkt und Schulentwicklung erleichtert.
Zu Wahlprüfstein 2: Schulaufsicht und Schulleitungen
Wir teilen die Einschätzung, dass die Verwaltungs- und Steuerungsstrukturen stärker an den Bedürfnissen der Schulen ausgerichtet werden müssen. Berufliche Schulen benötigen verlässliche Ansprechpartner*innen, transparente Zuständigkeiten und eine Verwaltung, die Schulentwicklung aktiv unterstützt.
Wir unterstützen daher das Ziel, Verwaltungsprozesse zu vereinfachen, Zuständigkeiten klarer zu strukturieren und die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Schulaufsicht zu verbessern. Regelmäßige Entwicklungsgespräche können einen wichtigen Beitrag leisten, um Unterstützungsbedarfe frühzeitig zu erkennen und gemeinsame Entwicklungsziele zu vereinbaren. Bei der Schulaufsicht wir setzen auf eine vertrauensbasierte Steuerung und stärken die zuständige Schulaufsicht in der Wahrnehmung ihrer unterstützenden und beratenden Rolle durch externe Prozessbegleitungen.
Darüber hinaus sehen wir großes Potenzial in multiprofessionellen Unterstützungsstrukturen. Die Herausforderungen beruflicher Schulen reichen heute weit über pädagogische Fragen hinaus und betreffen beispielsweise Digitalisierung, Personalentwicklung, Übergangsmanagement und Kooperationen mit außerschulischen Partnern. Schulen sollten hierbei stärker unterstützt werden.
Wichtig ist aus unserer Sicht außerdem der weitere Ausbau regionaler Bildungsnetzwerke. Gute berufliche Bildung entsteht dort, wo Schulen, Betriebe, Kammern, Jugendhilfe und weitere Partner eng zusammenarbeiten und Verantwortung gemeinsam wahrnehmen.
Zu Wahlprüftsein 3: Übergänge und 11. Pflichtschuljahr
Die Verbesserung der Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf gehört zu den zentralen Herausforderungen der Berliner Bildungspolitik. Wir teilen Ihre Einschätzung, dass das bestehende Übergangssystem weiterentwickelt werden muss, damit junge Menschen schneller und
erfolgreicher in Ausbildung gelangen.
Besonders wichtig ist für uns eine deutlich stärkere Berufsorientierung. Jugendliche sollten frühzeitig die Möglichkeit erhalten, verschiedene Berufe kennenzulernen und praktische Erfahrungen zu sammeln. Berufsorientierung darf nicht erst am Ende der Schulzeit beginnen, sondern muss als kontinuierlicher Prozess verstanden werden.
Wir unterstützen das Ziel, jedem jungen Menschen eine verlässliche Perspektive nach dem Schulabschluss zu eröffnen. Niemand soll dauerhaft im Übergangssystem verbleiben oder ohne Anschluss bleiben. Deshalb setzen wir uns für eine Weiterentwicklung der Angebote im Übergangsbereich, für eine Stärkung der Jugendberufsagenturen und für zusätzliche Ausbildungsplätze ein.
Wir befürworten die Weiterentwicklung der Integrierten Berufsausbildungsvorbereitung. Ziel muss sein, die Angebote möglichst übersichtlich, flexibel und anschlussorientiert zu gestalten und jungen Menschen individuelle Wege in Ausbildung und Beschäftigung zu eröffnen. Das 11. Pflichtschuljahr muss konsequent auf den Übergang in Ausbildung und Qualifizierung ausgerichtet werden.
Zu Wahlprüfstein 4: Digitalpakt 2.0
Wir teilen die Einschätzung, dass die Digitalisierung der beruflichen Schulen langfristig abgesichert werden muss. Moderne berufliche Bildung benötigt eine zeitgemäße digitale Infrastruktur, leistungsfähige Netze, aktuelle Endgeräte und branchenspezifische Software.
Besonders wichtig ist uns, dass Digitalisierung nicht auf technische Ausstattung reduziert wird. Schülerinnen und Schüler müssen Kompetenzen erwerben, um digitale Technologien, Künstliche Intelligenz und digitale Arbeitsprozesse reflektiert und souverän nutzen zu können. Dies gilt in besonderem Maße für die berufliche Bildung.
Wir unterstützen deshalb sowohl Investitionen in die technische Infrastruktur als auch den Ausbau von Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte. Gleichzeitig sehen wir den Bedarf, Schulen dauerhaft bei IT-Administration, Wartung und digitaler Schulentwicklung zu unterstützen.
Die besonderen Anforderungen beruflicher Schulen müssen dabei berücksichtigt werden. Gerade spezialisierte Fachsoftware und moderne technische Ausstattung sind entscheidend, damit Ausbildung auf der Höhe der aktuellen beruflichen Praxis stattfinden kann.
Zu Wahlprüfstein 5: Lehrkräftebildung
Der Lehrkräftemangel stellt die beruflichen Schulen vor erhebliche Herausforderungen. Deshalb muss Berlin die Ausbildung von Lehrkräften für berufliche Schulen deutlich stärken und attraktiver gestalten.
Wir unterstützen neue Wege der Lehrkräftegewinnung, zusätzliche Studienangebote und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und beruflichen Schulen. Insbesondere in Mangelfächern müssen Ausbildungsangebote ausgebaut werden.
Wir befürworten die Weiterentwicklung von Quereinstiegsmodellen und unterstützen die Wiedereinführung beziehungsweise den Ausbau von Ein-Fach-Lehrkräften für berufliche Schulen. Gerade in gewerblich-technischen und beruflichen Fachrichtungen können dadurch zusätzliche Fachkräfte für das Lehramt gewonnen werden.
Gleichzeitig müssen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten gestärkt werden, damit Lehrkräfte auf neue Anforderungen, technologische Entwicklungen und veränderte Berufsbilder vorbereitet werden.
Zu Wahlprüfstein 6: Lehrkräfteausstattung an beruflichen Schulen
Die Sicherung einer ausreichenden Personalausstattung gehört zu den zentralen Voraussetzungen für gute berufliche Bildung. Berufliche Schulen benötigen ausreichend Lehrkräfte, um Unterrichtsausfall zu vermeiden und Schülerinnen und Schüler angemessen begleiten zu können.
Wir setzen uns für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Entlastung und eine stärkere Unterstützung der Schulen ein. Dazu gehören auch multiprofessionelle Teams aus Schulsozialarbeit, Psychologie, Beratung und weiteren Professionen.
Darüber hinaus sehen wir einen erheblichen Bedarf bei Verwaltungsleitungen, IT-Administration und weiteren unterstützenden Funktionen. Lehrkräfte und Schulleitungen sollten sich auf ihre pädagogischen Aufgaben konzentrieren können und nicht durch zusätzliche Verwaltungsaufgaben belastet werden.
Besonders wichtig ist uns, die Attraktivität beruflicher Schulen als Arbeitsorte zu erhöhen und langfristig ausreichend Fachpersonal für das Berliner Schulsystem zu gewinnen.
Zu Wahlprüfstein 7: Finanzierung der beruflichen Schulen
Wir teilen die Einschätzung, dass die besonderen Anforderungen beruflicher Schulen in der Bildungsfinanzierung stärker berücksichtigt werden müssen. Werkstätten, Labore, technische Infrastruktur und branchenspezifische Ausstattung verursachen deutlich höhere Kosten als in vielen anderen Schulformen.
Deshalb unterstützen wir eine verlässliche und langfristige Finanzierung der beruflichen Schulen. Notwendige Modernisierungen müssen dauerhaft abgesichert werden. Neue Aufgaben dürfen nicht ohne zusätzliche Ressourcen übertragen werden.
Berufliche Schulen benötigen zudem ausreichende Handlungsspielräume, um auf unterschiedliche Anforderungen flexibel reagieren zu können. Die Weiterentwicklung schulischer Budgets und größerer Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.
Ziel muss sein, die hohe Qualität beruflicher Bildung dauerhaft zu sichern und die Schulen in die Lage zu versetzen, mit den technologischen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft Schritt zu halten.
Zu Wahlprüfstein 8: Azubi-Wohnheime in Berlin
Bezahlbarer Wohnraum ist zunehmend eine Voraussetzung für erfolgreiche Ausbildung. Gerade in einer Stadt wie Berlin wird Wohnraummangel immer häufiger zu einem Hindernis bei der Aufnahme oder dem erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung.
Wir unterstützen deshalb den Ausbau von Wohnangeboten für Auszubildende. Dazu gehören Azubi-Wohnheime ebenso wie spezielle Wohnprojekte und Kooperationen mit landeseigenen Wohnungsunternehmen.
Darüber hinaus setzen wir uns für die Einrichtung eines Berliner Azubiwerks ein. Auszubildende sollten ähnlich wie Studierende Zugang zu bezahlbarem Wohnraum, Beratung und Unterstützungsangeboten erhalten.
Für uns ist Azubi-Wohnen ein wichtiger Baustein moderner Fachkräftesicherung und ein Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit in der beruflichen Bildung.
Zu Wahlprüfstein 9: Stärkung der dualen Ausbildung und der beruflichen Schulen
Wir teilen ausdrücklich das Ziel, die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung zu stärken. Ausbildung und Studium sind gleichwertige Bildungswege und müssen auchgesellschaftlich gleichwertig anerkannt werden.
Deshalb setzen wir uns für eine stärkere Sichtbarkeit beruflicher Bildungswege, eine bessere Berufsorientierung und eine Aufwertung der beruflichen Schulen ein. Berufliche Gymnasien, Fachoberschulen und duale Ausbildungsangebote leisten einen wichtigen Beitrag zu einem vielfältigen Bildungssystem.
Wir wollen die duale Ausbildung stärken, zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen und Ausbildungsabbrüche reduzieren. Dabei spielen sowohl die Betriebe als auch die beruflichen Schulen eine zentrale Rolle.
Gleichzeitig setzen wir uns für mehr Inklusion in der Ausbildung ein und planen ein Landesprogramm „Ausbildung inklusiv“. Die genauen Forderungen dazu hat die Fraktion bereits zusammengefasst:
Hier geht es zum Positionspapier
Die Fachkräftesicherung in Berlin wird nur gelingen, wenn die berufliche Bildung dauerhaft gestärkt wird. Die Oberstufenzentren sind dafür zentrale Partner. Wir sehen sie als moderne Bildungsorte, die jungen Menschen Perspektiven eröffnen und einen entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Berlins leisten.